01. August 2017

Ansprache von Papst Franziskus zum Pfingstvigil 2017

Ökumenische Pfingstvigil im Circus Maximus am Samstag, 3. Juni 2017

Brüder und Schwestern, danke für das Zeugnis, das ihr heute hier gebt: Danke! Das tut uns allen gut, das tut auch mir gut, uns allen! Im ersten Kapitel der Apostelgeschichte lesen wir: »Beim gemeinsamen Mahl gebot er ihnen: Geht nicht weg von Jerusalem, sondern wartet auf die Verheißung des Vaters, die ihr von mir vernommen habt. Johannes hat mit Wasser getauft, ihr aber werdet schon in wenigen Tagen mit dem Heiligen Geist getauft« (1,4-5).

»Als der Pfingsttag gekommen war, befanden sich alle am gleichen Ort. Da kam plötzlich vom Himmel her ein Brausen, wie wenn ein heftiger Sturm daherfährt, und erfüllte das ganze Haus, in dem sie waren. Und es erschienen ihnen Zungen wie von Feuer, die sich verteilten; auf jeden von ihnen ließ sich eine nieder. Alle wurden mit dem Heiligen Geist erfüllt und begannen, in fremden Sprachen zu reden, wie es der Geist ihnen eingab « (Apg 2,1-4).

Heute sind wir hier wie in einem Abendmahlssaal unter freiem Himmel, weil wir keine Angst haben: unter freiem Himmel und auch mit einem für die Verheißung des Vaters offenen Herzen. Wir sind hier versammelt, »wir alle, die wir glauben«, wir alle, die wir bekennen: »Jesus ist der Herr«, »Jesus is the Lord«. Viele sind aus verschiedenen Teilen der Welt gekommen und der Heilige Geist hat uns vereint, um Bande brüderlicher Freundschaft zu knüpfen, die uns ermutigen, auf dem Weg zur Einheit voranzugehen, Einheit für die Mission: Nicht um stillzustehen, nein!

Für die Mission, um zu verkünden, dass Jesus der Herr ist – »Jesús es el Señor« –, um gemeinsam die Liebe des Vaters zu allen seinen Kindern zu verkünden! Um allen Völkern die frohe Botschaft zu verkünden! Um zu zeigen, dass Frieden möglich  ist. Es ist nicht so einfach, dieser Welt von heute zu zeigen, dass Frieden möglich ist, aber im Namen Jesu können wir mit unserem Zeugnis beweisen, dass Frieden möglich ist! Aber er ist nur dann möglich, wenn wir untereinander im Frieden sind. Wenn wir die Unterschiede scharf betonen, dann befinden wir uns im Konflikt miteinander und können den Frieden nicht verkünden.

Der Friede ist möglich ausgehend von unserem Bekenntnis, dass Jesus der Herr ist, und ausgehend von unserer Evangelisierung in diese Richtung. Er ist möglich. Auch wenn wir zeigen, dass es Unterschiede zwischen uns gibt – es ist ganz offensichtlich, dass wir Unterschiede aufweisen –, aber dass wir eine versöhnte Verschiedenheit sein wollen. Dieses Wort dürfen wir nicht vergessen, sondern müssen es allen sagen: versöhnte Verschiedenheit. Und dieser Ausdruck stammt nicht von mir, er ist nicht von mir. Er stammt von einem lutherischen Bruder. Versöhnte Verschiedenheit. Und jetzt sind wir hier und wir sind sehr zahlreich! Wir haben uns versammelt, um gemeinsam zu beten, um das Kommen des Heiligen Geistes auf einen jeden von uns zu erbitten, um auf die Straßen der Stadt und der Welt hinauszugehen und zu verkünden, dass Jesus Christus der Herr ist.

Die Apostelgeschichte unterstreicht: »Parther, Meder und Elamiter, Bewohner von Mesopotamien, Judäa und Kappadozien, von Pontus und der Provinz Asien, von Phrygien und Pamphylien, von Ägypten und dem Gebiet Libyens nach Zyrene hin, auch die Römer, die sich hier aufhalten, Juden und Proselyten, Kreter und Araber, wir hören sie in unseren Sprachen Gottes große Taten verkünden« (2,9-11). Dieselbe Sprache sprechen, zuhören, verstehen… Es gibt Unterschiede, aber der Geist lässt uns die Botschaft von der Auferstehung Jesu in unserer eigenen Sprache verstehen.

Wir sind hier versammelt als Gläubige aus 120 Ländern der Welt, um das mächtige Wirken des Heiligen Geistes in der Kirche zu feiern, das vor 50 Jahren begonnen hat und etwas ins Leben gerufen hat… Eine Institution? Nein. Eine Organisation? Nein. Einen Strom der Gnade, den Strom der Gnade der katholischen Charismatischen Erneuerung. Ein Werk, das »katholisch« auf die Welt kam? Nein. Es kam ökumenisch zur Welt! Es entstand ökumenisch, weil es der Heilige Geist ist, der die Einheit schafft, und es ist derselbe Heilige Geist, der es inspirierte, so zu sein!  Es ist wichtig, die Werke von Kardinal Suenens darüber zu lesen: Das ist sehr wichtig! Das Kommen des Heiligen Geistes verwandelt aus Furcht verschlossene Männer in mutige Zeugen Jesu. Petrus, der Jesus dreimal verleugnet hatte, ruft erfüllt von der Kraft des Heiligen Geistes aus: »Mit Gewissheit erkenne also das ganze Haus Israel: Gott hat ihn zum Herrn und Messias gemacht, diesen Jesus, den ihr gekreuzigt habt« (Apg 2,36). Und das ist das Glaubensbekenntnis jedes Christen! Gott hat jenen Jesus als Herrn und Messias eingesetzt, den ihr gekreuzigt habt oder der gekreuzigt worden ist. Seid ihr einverstanden mit diesem Glaubensbekenntnis?

[Die Anwesenden rufen: »Ja!«] Das ist unser Glaubensbekenntnis, das von uns allen, von allen, dasselbe! Das Wort Gottes fährt fort: »Und alle, die gläubig geworden waren, bildeten eine Gemeinschaft und hatten alles gemeinsam. Sie verkauften Hab und Gut und gaben davon allen, jedem so viel, wie er nötig hatte.« Sie verkauften: sie halfen den Armen. Es gab einige ganz Schlaue,  denken wir an Hananias und Saphira, solche gibt es immer, aber alle Gläubigen, die Mehrheit, halfen einander. »Tag für Tag verharrten sie einmütig im Tempel, brachen in ihren Häusern das Brot und hielten miteinander Mahl in Freude und Einfalt des Herzens. Sie lobten Gott und waren beim ganzen Volk beliebt. Und der Herr fügte täglich ihrer Gemeinschaft die hinzu, die gerettet werden sollten « (2,44-47). Die Gemeinschaft wuchs, und es gab den Heiligen Geist, der sie inspirierte. Ich denke gern an Philippus, als der Engel zu ihm sagt: »Geh auf die Straße nach Gaza!« Und er trifft jenen Proselyten, den Wirtschaftsminister der Königin der Äthiopier, Kandake. Er war ein Proselyt und las den Propheten Jesaja. Philippus erklärte ihm das Wort, verkündete Jesus, und jener bekehrte sich. Und dann sagte er: »Hier ist Wasser, ich möchte getauft werden.« Es war der Heilige Geist, der Philippus drängte dorthinzugehen, und von Anfang an war es der Heilige Geist, der alle Gläubigen drängte, den Herrn zu verkündigen.

Heute haben wir uns entschieden, uns hier zu versammeln, an diesem Ort – das hat Pastor Traettino gesagt –, weil hier in der Verfolgungszeit Christen als Märtyrer gestorben sind, zur Unterhaltung der Zuschauer. Heute gibt es mehr Märtyrer als in der Vergangenheit! Heute gibt es mehr christliche Märtyrer! Wer Christen tötet, fragt sie nicht, bevor er sie tötet: »Bist du orthodox? Bist du katholisch? Bist du evangelisch? Bist du lutherisch? Bist du calvinistisch?« Nein. »Bist du Christ?« – »Ja«: die Kehle durchgeschnitten, sofort. Heute gibt es mehr Märtyrer als in den Anfangszeiten.

Und das ist die Ökumene des Blutes: uns vereint das Zeugnis unserer heutigen Märtyrer. An verschiedenen Orten der Welt wird das Blut von Christen vergossen! Heute ist die Einheit der Christen dringlicher denn je, vereint durch das Wirken des Heiligen Geistes im Gebet und im Einsatz für die Schwächsten. Gemeinsam auf dem Weg sein, gemeinsam arbeiten. Einander lieben. Uns lieben. Und gemeinsam die Unterschiede zu erklären versuchen, uns einigen, aber auf dem Weg! Wenn wir stehenbleiben, ohne voranzugehen, dann werden wir uns niemals, niemals einigen. Das ist so, weil der Heilige Geist will, dass wir auf dem Weg sind. Fünfzig Jahre katholische Charismatische Erneuerung. Ein Strom der Gnade des Heiligen Geistes. Und warum ein Gnadenstrom? Weil es weder einen Gründer, noch Statuten, noch Leitungsorgane gibt. Offensichtlich sind in diesem Strom vielfältige Ausdrucksformen entstanden, die sicher vom Geist inspirierte menschliche Werke mit unterschiedlichen Charismen sind und alle der Kirche dienen. Aber einem Strom kann man keinen Damm entgegensetzen und man kann den Heiligen Geist auch nicht in einen Käfig sperren!

Fünfzig Jahre sind vergangen. Wenn man dieses Alter erreicht, beginnen die Kräfte nachzulassen. Es ist die Mitte des Lebens – in meiner Heimat sagt man »el cinquentazo« –, die Falten werden tiefer – es sei denn du schminkst dich, aber die Falten sind da –, die grauen Haare werden zahlreicher und wir beginnen auch, einiges zu vergessen … Fünfzig Jahre: Das ist ein geeigneter Moment des Lebens, um innezuhalten und nachzudenken. Es ist der Moment des Nachdenkens: die Mitte des Lebens. Und ich möchte euch sagen: Es ist der Augenblick, um kraftvoller voranzugehen, indem wir den Staub der Zeit hinter uns lassen, den wir sich haben ansammeln lassen, und indem wir für das Empfangene Dank sagen und mit Vertrauen auf das Wirken des Heiligen Geistes das Neue in Angriff nehmen!

Pfingsten lässt die Kirche entstehen. Der Heilige Geist, die von Jesus Christus angekündigte Verheißung des Vaters, ist derjenige, der die Kirche aufbaut: die Braut der Geheimen Offenbarung, eine einzige Braut! Das hat Pastor Traettino gesagt: Der Herr hat eine Braut! Das kostbarste Geschenk, das wir alle empfangen haben, ist die Taufe. Und jetzt führt uns der Geist auf den Weg der Umkehr, der die ganze christliche Welt durchzieht und der ein weiterer Grund ist, warum die katholische Charismatische Erneuerung ein privilegierter Ort ist, um den Weg zur Einheit zu gehen!

Dieser Gnadenstrom ist für die ganze Kirche bestimmt, nicht nur für einige wenige, und niemand von uns ist der »Herr« und alle anderen Diener. Nein. Alle sind wir Diener dieses Gnadenstroms. Verbunden mit dieser Erfahrung erinnert ihr die Kirche beständig an die Macht des Lobpreises. Lobpreis, der das Gebet der Anerkennung und des Dankes für die vorleistungsfreie Liebe Gottes ist. Möglicherweise gefällt diese Art des Gebetes manchem nicht, aber sicherlich fügt sie sich vollkommen in die biblische Tradition ein. Die Psalmen zum Beispiel: David, der vor der Bundeslade tanzt, voller Jubel… Und bitte, wir wollen nicht in die Haltung von Christen verfallen, die den »Michal-Komplex« haben, die sich dafür schämte, wie David Gott lobte, [indem er vor der Bundeslade tanzte].

Jubel, Fröhlichkeit, Freude sind Frucht des Wirkens des Heiligen Geistes! Entweder spürt der Christ Freude in seinem Herzen oder da stimmt etwas nicht. Die Freude der Verkündigung der frohen Botschaft des Evangeliums! In der Synagoge von Nazaret liest Jesus einen Abschnitt aus dem Propheten Jesaja. Ich lese: »Der Geist des Herrn ruht auf mir; denn der Herr hat mich gesalbt. Er hat mich gesandt, damit ich den Armen eine gute Nachricht bringe; damit ich den Gefangenen die Entlassung verkünde und den Blinden das Augenlicht; damit ich die Zerschlagenen in Freiheit setze und ein Gnadenjahr des Herrn ausrufe« (Lk 4,18-19; vgl. Jes 61,1-2). Die gute Nachricht: vergesst das nicht. Die gute, frohe Nachricht: die christliche Verkündigung ist immer froh.

Das dritte Dokument von Malines mit dem Titel Charismatische Erneuerung und Dienst am Menschen, geschrieben von Kardinal Suenens und Dom Hélder Câmara, ist eindeutig: charismatische Erneuerung und auch Dienst am Menschen. Taufe im Heiligen Geist, Lobpreis, Dienst am Menschen. Die drei Aspekte sind unauflöslich verbunden. Ich kann sehr tief in den Lobpreis eintreten, aber wenn ich den Bedürftigen nicht helfe, dann reicht das nicht. »Es gab keinen unter ihnen, der Not litt«, hieß es in der Apostelgeschichte (4,34).

Wir werden nicht nach unserem Lobpreis gerichtet werden, sondern nach dem, was wir für Jesus getan haben. »Aber Herr, wann haben wir es für dich getan? Wenn ihr es für einen meiner geringsten Brüder getan habt, dann habt ihr es mir getan« (vgl. Mt 25,39-40). Liebe Schwestern und liebe Brüder, ich wünsche euch eine Zeit der Reflexion, des Gedenkens an die Ursprünge: eine Zeit, um alles hinter euch zu lassen, was das eigene Ich hinzugefügt hat, und es zu verwandeln in das Hören und die freudige Annahme des Wirkens des Heiligen Geistes, der weht wo und wie er will! Ich danke der Catholic Fraternity und den ICCRS [International Catholic Charismatic Renewal Services] für die Organisation dieses Goldenen Jubiläums, für diese Vigil. Und ich danke jedem einzelnen der freiwilligen Helfer, die das möglich gemacht haben und von denen viele hier sind. Ich habe das Team des Büros begrüßt, als ich angekommen bin, denn ich weiß, dass sie sehr viel gearbeitet haben! Und das ohne Bezahlung! Sie haben viel gearbeitet. Es sind in der Mehrzahl junge Leute aus verschiedenen Kontinenten. Der Herr möge sie reich segnen!

Insbesondere danke ich euch für die Tatsache, dass meine vor zwei Jahren ausgesprochene Bitte, für die weltweite Charismatische Erneuerung einen einzigen internationalen Dienst zu schaffen, der hier sein Zentrum haben soll, im Begriff ist, konkrete Gestalt anzunehmen mit den Satzungen diese neuen zentralen Dienstes. Das ist der erste Schritt, weitere werden folgen, doch bald wird die Einheit, das Werk des Heiligen Geistes, eine Realität sein. »Seht, ich mache alles neu«, sagt der Herr (Offb 21,5). Danke, katholische Charismatische Erneuerung, für das, was ihr der Kirche in den letzten 50 Jahren geschenkt habt! Die Kirche zählt auf euch, auf eure Treue zum Wort, auf eure Dienstbereitschaft und auf das Zeugnis eines vom Heiligen Geist verwandelten Lebens! Mit allen in der Kirche die Taufe im Heiligen Geist teilen, den Herrn unaufhörlich loben, gemeinsam mit den Christen der verschiedenen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften im Gebet und im Einsatz für die Bedürftigsten vorangehen. Den Ärmsten und Kranken dienen, das erwarten die Kirche und der Papst von euch, katholische Charismatische Erneuerung, aber auch von euch allen: alle, ihr alle, die ihr in diesen Gnadenstrom eingetreten seid! Danke.